Die Schönheit des Alterns
Umgib dich mit Dingen, die mit dem Altern schöner werden.
Es gibt Materialien, die nicht verbergen, dass die Zeit an ihnen gearbeitet hat. Holz, das seine Maserung tiefer ausprägt, als hätte das Leben selbst Linien hineingeritzt. Metall, das eine Patina ansetzt, die wie ein sanftes Leuchten wirkt – Spuren von Berührung, von Luft, von Wärme. Solche Stoffe erzählen Geschichten, sie tragen die Erinnerung an Hände, an Räume, an Jahreszeiten. Sie werden nicht ärmer, sondern reicher mit jedem Jahr.
So wie ein alter Fachwerkbalken, dessen Wurmlöcher geheimnisvolle Zeichen bilden. Oder ein gehämmertes Blech eines Olivenölkanisters, das mit seinen Dellen das Licht in tausend kleinen Funken widerspiegelt. Diese Dinge sind ehrlich: sie kaschieren nichts, sie zeigen ihre Verletzungen und ihre Wandlungen. Und gerade darin liegt ihre Würde.
Auch Menschen können so altern. Es gibt Gesichter, die mit jeder Falte die Haltung spiegeln, die diesen Menschen im Laufe seines Lebens geprägt hat. Augen, die eine Ruhe tragen, die nicht mehr erschüttert werden kann. Eine Stirn, die nicht mehr verbergen muss, dass sie nachgedacht hat. Solche Gesichter sind wie alte Häuser: sie stehen fest, sie haben Stürme überstanden, und sie strahlen eine Schönheit aus, die nicht jung sein will, sondern wahr.
Das Leben selbst kann ein Kunstwerk sein, wenn wir es wie diese Materialien begreifen: als etwas, das nicht durch Perfektion glänzt, sondern durch die Spuren, die es trägt. Ein Lebenskünstler ist nicht nur jemand, der leichtfüßig durch die Tage tanzt, sondern auch jemand, der die Tiefe kennt – der angekommen ist in seiner Mitte, der weiß, dass jede Linie, jede Narbe, jede Erinnerung Teil des großen Musters ist. Der sein So-Sein angenommen hat und erfüllt in einem stimmigen Zusammenklang mit dem großen Lebensgewebe.
So fließen Natur und Kunst ineinander: Materie und Geist, Zeit und Bedeutung. Und bilden – Schönheit. Die Schönheit des Alterns.
Impulsfrage:
Welche Dinge oder Menschen in deinem Leben werden mit dem Altern schöner – und was erzählen ihre Spuren dir über dich selbst?
Bildquelle: Simone Walter