Kommunale Mitgestaltung
Stell dir eine Stadt vor, die jedes Jahr einen Teil ihres Haushalts nicht hinter verschlossenen Türen verteilt, sondern in die Hände ihrer Bürger legt. Kein abstraktes Zahlenwerk, sondern ein sichtbarer Topf, gefüllt mit Möglichkeiten.
Die Menschen bringen ihre Ideen ein: ein neuer Spielplatz, ein Trinkbrunnen, ein Nachbarschaftsfest. Die Verwaltung prüft nur, ob die Vorschläge umsetzbar sind – die Entscheidung selbst fällt die Gemeinschaft. Jede Stimme ist ein Baustein, jeder Vorschlag ein Samen.
So entsteht ein Kreislauf: Ideen wachsen, Projekte werden sichtbar, Vertrauen vertieft sich. Die Bürger erleben, dass ihre Beteiligung nicht symbolisch ist, sondern konkrete Wirkung hat. Die Stadt wiederum erfährt, dass Menschen Verantwortung übernehmen, wenn man ihnen zutraut, zu gestalten.
Das Bürgerbudget ist damit mehr als ein Finanzinstrument. Es ist ein Ritual der Selbstermächtigung: ein jährlicher Erntekreis, in dem Gemeinschaft nicht verwaltet, sondern gelebt wird.
Porto Alegre in Brasilien gilt als Wiege des partizipativen Haushalts. Bereits 1989 begann die Stadt, BürgerInnen direkt über Investitionen entscheiden zu lassen. Jedes Jahr treffen sich Versammlungen in den Stadtteilen, diskutieren Prioritäten und stimmen ab. So wurden Straßen gebaut, Schulen renoviert und Wasserversorgung verbessert – Projekte, die direkt aus den Bedürfnissen der Menschen entstanden. Das Modell verbreitete sich von dort aus weltweit.
Brasilien auf dem Weg zu einer partizipativen Haushaltsplanung
Barcelona, Spanien, nutzt Bürgerbudgets, um soziale und kulturelle Projekte zu fördern. BürgerInnen können Vorschläge einreichen, die dann online diskutiert und abgestimmt werden. So entstehen Initiativen für Nachbarschaftszentren, ökologische Stadtgestaltung oder Jugendprojekte.
Bürgerhaushalt Barcelona
Paris hat eines der größten Bürgerbudgets Europas: Jährlich stehen über 100 Millionen Euro zur Verfügung. BürgerInnen schlagen Projekte vor – von urbanen Gärten über Fahrradwege bis zu Kulturinitiativen – und stimmen darüber ab. Viele der heute sichtbaren Veränderungen im Stadtbild gehen direkt auf diese Beteiligung zurück.
Bürgerhaushalt Paris
Beispiele in Deutschland für solche Bürgerbeteiligung sind Eberswalde, Siegburg, Köln, Zwickau – und auch unser Lüchow im Wendland tastet sich ran an die Bürgerbeteiligung (wenn auch noch nicht mit eigenem Haushalt):
Beteiligungsplattform für das Projekt Resiliente Innenstadt
Bürgerhaushalte & Bürgerbudgets in Deutschland
Bürgerbudgets weltweit beweisen: Wenn Menschen Verantwortung übernehmen dürfen, entsteht Vertrauen – und Demokratie wird zur täglichen Praxis, nicht nur zum Wahlritual.
Bildquelle: Simone Walter, behäkeltes Haus in Puerto de la Cruz, Teneriffa