Frieden leben

Eine Kartografie gelebter Verbundenheit

Es gibt Zeiten, in denen die Welt lauter wirkt als sonst. Zeiten, in denen Schlagzeilen dominieren, Bedrohungen vergrößert werden, alte Feindbilder zurückkehren. Und doch geschieht parallel etwas anderes – leiser, unscheinbarer, aber nicht weniger kraftvoll.
Überall auf der Welt, oft abseits der Aufmerksamkeit, beginnen Menschen, eine andere Geschichte zu leben. Eine Geschichte, die nicht von Konfrontation erzählt, sondern von Beziehung. Nicht von Ideologie, sondern von Verbundenheit. Nicht von Feinden, sondern von Nachbarn.

Dieser Text folgt den Spuren dieses praktizierten Friedens. Er beginnt bei den jungen Stimmen unserer Gegenwart, führt zu konkreten Projekten in verschiedenen Teilen der Welt und endet bei einer leisen, aber tiefen Hoffnung: dass Frieden nicht nur möglich ist, sondern bereits geschieht – im Kleinen, im Alltäglichen, im Menschlichen.

Die jungen Stimmen – ein neues Körperwissen

Es beginnt mit einer Stimmung. Mit jungen Menschen, die auf einem Platz stehen und spüren, dass die alten Erzählungen nicht mehr zu ihrem Leben passen. Sie hören die politischen Appelle, die Rhetorik der Bedrohung, die Logik der Abschreckung — und doch sagt etwas in ihnen: Das ist nicht unsere Geschichte.
Eine junge Frau bringt es auf den Punkt: „Auf der Gegenseite stehen auch junge Menschen, mit denen wir uns wohl verstehen würden.“
Dieser Satz ist keine politische These. Er ist ein Körperwissen. Ein Wissen, das aus einer Generation kommt, die in globalen Beziehungen sozialisiert wurde. Für sie ist die Welt kein Schachbrett, sondern ein Netzwerk. Kein Kampfplatz, sondern ein Gewebe von Menschen.

Und vielleicht beginnt genau hier der praktizierte Frieden: in der Weigerung, sich erzählen zu lassen, wer der Feind sein soll.

Frieden entsteht dort, wo Beziehungen entstehen

Wenn man diese jungen Stimmen ernst nimmt, zeigt sich ein Muster: Frieden ist kein Vertrag, sondern ein Beziehungsgeschehen.
Er entsteht nicht in Konferenzsälen, sondern in Begegnungen. Nicht in geopolitischen Strategien, sondern in alltäglichen Verbindungen. Nicht durch Ideologien, sondern durch Resonanz.
Man könnte es „Citizen Diplomacy“ nennen – die Diplomatie der Menschen selbst. Aber eigentlich ist es noch einfacher: Es ist die Fähigkeit, einander als Menschen zu sehen, bevor die Politik uns trennt.
Diese Art von Frieden ist leise, aber hartnäckig. Sie unterläuft die Logik der Entmenschlichung, auf der Kriege beruhen. Und sie wächst überall dort, wo Menschen einander begegnen, ohne die Brille der Feindbilder.

Weltweite Beispiele – Wo Menschen Feindbilder unterlaufen

Praktizierter Frieden ist konkret. Er hat Orte, Gesichter, Geschichten.

Bosnien & Herzegowina – Die Kunst, wieder gemeinsam zu entscheiden
In einem kleinen Ort nahe Mostar sitzen Menschen an einem langen Holztisch. Serbische, kroatische und bosniakische Familien, die noch vor einer Generation durch einen Krieg getrennt waren. Jetzt beraten sie gemeinsam über die Reparatur eines Brunnens, über Schulwege, über die Zukunft ihres Dorfes.
Es ist unspektakulär. Und gerade deshalb revolutionär.
Denn hier geschieht etwas, das keine Friedenskonferenz ersetzen kann: Menschen, die einander jahrzehntelang misstraut haben, treffen Entscheidungen gemeinsam. Sie erleben sich wieder als Nachbarn, nicht als Feinde.

Sierra Leone – Frieden auf zwei Rädern
In Freetown trifft sich ein Fahrradclub, der eigentlich keiner sein müsste. Junge Menschen aus verschiedenen ethnischen Gruppen fahren gemeinsam durch die Stadt, reparieren Räder, organisieren Touren.
Was wie ein Hobby aussieht, ist in Wahrheit eine Friedensarchitektur: Wer miteinander fährt, redet miteinander. Wer miteinander lacht, kämpft nicht gegeneinander.
Die Fahrräder werden zu Vermittlern. Zu beweglichen Brücken.

Israel & Palästina – Ein Orchester gegen die Logik der Trennung
In einem Proberaum in Ost‑Jerusalem sitzen israelische und palästinensische Jugendliche nebeneinander. Sie stimmen ihre Instrumente. Sie spielen Beethoven, Bach, arabische Volkslieder.
Die Musik schafft etwas, das Politik nicht schafft: Sie erzeugt einen Raum, in dem Identität nicht trennt, sondern klingt. Ein Raum, in dem die Frage „Wer bist du?“ nicht mit Nationalität beantwortet wird, sondern mit einem Ton.

Ethiopia–Kenya – Die Grenze als Treffpunkt
In einem trockenen Grenzgebiet treffen sich Viehhirten aus zwei Ländern, die immer wieder in Konflikte geraten. Doch statt Waffen bringen sie Wasserkanister mit. Sie teilen Ressourcen, tauschen Wissen, organisieren gemeinsame Weidezeiten.
Die Grenze, die früher trennte, wird zu einem Ort der Kooperation. Ein Ort, an dem die Logik des Mangels durch die Logik der Beziehung ersetzt wird.

Deutschland – Ein Beispiel, das oft übersehen wird
Auch hier, mitten in Europa, gibt es Orte, an denen praktizierter Frieden wächst – leise, aber kraftvoll.
Eines der schönsten Beispiele ist die „Schülerinnenbegegnung Ost‑West“*, die seit Jahren Jugendliche aus Deutschland, Polen, Russland, der Ukraine und Belarus zusammenbringt. Sie kochen zusammen, arbeiten an Projekten, besuchen Gedenkstätten, sprechen über ihre Familiengeschichten.
Und etwas Bemerkenswertes geschieht: Die jungen Menschen entdecken, dass ihre Geschichten miteinander verwoben sind. Dass sie einander ähnlicher sind als die politischen Narrative ihrer Länder. Dass sie gemeinsam lachen können, obwohl ihre Regierungen sich misstrauen.
Viele dieser Jugendlichen bleiben über Jahre in Kontakt. Sie besuchen sich gegenseitig. Sie bauen Freundschaften, die stärker sind als die Feindbilder, die ihnen von außen zugeschrieben werden. Während die politische Rhetorik sich verhärtet, entstehen im Kleinen Beziehungen, die diese Härte unterlaufen.

Permakultur & ökologische Bewegungen – Die Erde als gemeinsame Sprache
In internationalen Permakultur‑Camps arbeiten Menschen aus Ländern zusammen, die politisch kaum miteinander sprechen. Sie pflanzen Bäume, bauen Komposttoiletten, teilen Saatgut, entwerfen Gemeinschaftsgärten. Die Erde wird zur gemeinsamen Sprache. Die Sorge um das Lebendige wird zur gemeinsamen Ethik.
Hier entsteht ein Frieden, der nicht verhandelt wird, sondern wächst. Wortwörtlich.

Das Muster dahinter
All diese Beispiele – ob in Afrika, Europa, dem Nahen Osten oder Deutschland – folgen derselben Logik: Frieden entsteht dort, wo Menschen einander begegnen, bevor die Ideologien sie trennen können.
Es sind kleine Räume. Aber sie haben große Wirkung. Denn sie erzeugen etwas, das kein Staat kontrollieren kann: Vertrauen.


Die blinden Flecken – Wo Friedensarbeit unsichtbar bleibt

Es gibt auch Orte, an denen Friedensarbeit im Verborgenen geschieht. Dort, wo Repression herrscht, wo Überwachung Alltag ist, wo ein Gespräch gefährlich werden kann.

Zwischen Russland und der Ukraine existieren weiterhin Freundschaften, Familienkontakte, künstlerische Kooperationen — unsichtbar, aber lebendig. Wie Wurzeln unter gefrorener Erde.

Zwischen Iran und den USA bestehen Netzwerke von Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Diaspora‑Communities. Beziehungen, die nicht gefeiert werden dürfen, aber nicht verschwinden.

Unsichtbare Friedensarbeit ist nicht weniger wertvoll. Sie ist oft mutiger. Sie widerspricht der Logik des Krieges im Stillen – durch ein „Wie geht es dir?“, durch ein geteiltes Lied, durch ein Gespräch, das niemand sehen darf.
Sie zeigt: Frieden ist ein menschlicher Reflex, der selbst unter Druck nicht verschwindet.

Die Zukunft – Eine Welt, die sich selbst vernetzt

Während die politische Rhetorik sich verhärtet, wächst im Hintergrund eine andere Bewegung: eine Welt, die sich selbst verbindet.
Die junge Generation ist in globalen Beziehungen zuhause. Sie kennt Freundschaften über Kontinente hinweg, gemeinsame digitale Räume, internationale Bewegungen. Für sie ist die Welt ein Netzwerk – und Netzwerke lassen sich nicht so leicht gegeneinander aufhetzen.
Die Technik verstärkt diese Bewegung. Ein Videoanruf zwischen zwei Menschen aus „verfeindeten“ Ländern ist heute trivial – und politisch subversiv. Die Menschheit sieht sich, hört sich, erkennt sich. Feindbilder erodieren, weil Nähe entsteht. Nicht sofort. Aber unaufhaltsam.

Vielleicht ist das die eigentliche Zeitenwende: Nicht die militärische, sondern die menschliche. Eine Welt, die sich von unten her vernetzt, schneller als Ideologien sie trennen können.

Der Frieden, der schon geschieht

Praktizierter Frieden ist ein alltäglicher Ungehorsam gegen die Erzählung vom Feind. Ein Ungehorsam, der nicht kämpft, sondern verbindet. Der nicht zerstört, sondern schützt. Der nicht laut ist, sondern beharrlich.
Vielleicht ist das die Hoffnung unserer Zeit: dass Menschen längst begonnen haben, eine andere Welt zu leben, während die alte noch versucht, sich selbst zu behaupten.

Der Frieden, der schon geschieht, ist kein fertiges Bild. Er ist ein Prozess. Ein Netzwerk. Ein leises, globales Atmen. Er wächst in Küchen und Klassenzimmern, in Chats und Gemeinschaftsgärten, in Proberäumen, auf Fahrrädern, an Grenzflüssen, in Jugendzentren, in den Herzen derer, die spüren: Das Leben erzählt uns etwas anderes.

Und vielleicht ist das genug, um die Zukunft zu verändern. Funke für Funke.


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Barenboim-Said Akademie –  Völkerverständigung durch Musik
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Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus | Deutsch-osteuropäisches Forum
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Weltfriedensdienst – Lichtblicke 2025

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Bildquelle: Simone Walter

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