Das Nichtwissen als Verbündeter
Da planst du schon wieder Bleigießen, in die Sterne gucken, Tarotkarten oder Gummibärchen ziehen, um einen Blick aufs kommende Jahr zu erhaschen. Ich sag dir mal was. Dein bester Verbündeter fürs neue Jahr bin ich. Das Nichtwissen.
Jetzt machst du große Augen. Perfekt. Mit diesen Augen gehst du rein in dein neues Jahr. Was glaubst du, wie leuchtend und plastisch die Welt auf einmal aussieht, wenn du sie mit den Augen des Nichtwissens anschaust. Wie zum ersten Mal, als ob du neu geboren bist. (Bist du ja auch – für das neue Jahr.) Du wirst dich vielleicht fragen, was du da tust, anstatt einfach automatisch das tun, was du schon immer getan hast. Du entdeckst vielleicht, dass hinter dem, was du zu wissen glaubst, weite unausgelotete Räume sind. Vielleicht schwant dir sogar, dass das, was du zu wissen glaubst, vor allem eine Art Landkarte ist, die du dir geschaffen hast, um dich besser orientieren zu können. Um deine Umgebung zu kategorisieren und für deine Zwecke zu nutzen. Ja, lass dir das mal auf der Hirnrinde zergehen: Was du „Wissen“ nennst, ist nichts Fixes, und schon gar keine objektive Aussage über die Welt. Es ist eine Aufzeichnung deines Bewusstseins in seinem aktuellen Zustand, meist emotional eingefärbt mit einer Bewertung. Das kann nützlich sein, um weiter durchs Leben zu navigieren, bedeutet aber auch, dass du mit dieser Landkarte immer auf denselben Wegen herumkurvst. Und wo, bitte, ist hier der Ausgang? – Bitte, hier entlang. Durch die Tür des Nichtwissens.
Das Nichtwissen darüber, was auf dich zukommt, bietet nicht nur neue Perspektiven, sondern ist auch ein großartiger Ermöglicher. Dass du einfach schonmal losgehst, weil du noch nicht ahnst, worauf du dich einlässt. Etwa mit der Küchenrenovierung in eurem alten Haus. Du weißt ja, die ersten Schritte sind immer die schwersten. Aber wenn du dich dann mal aufgemacht hast, gibt es kein Zurück mehr. Und es ist gut, dass du nicht schon drei Schritte weiter gucken kannst, denn jeder einzelne fordert deine volle Aufmerksamkeit. Wenn du da eintauchst, die Materie kennenlernst und wie du mit ihr umgehen musst, im rechten Moment Wissensquellen heranziehst und dich Stück für Stück vorarbeitest, entsteht der Weg, den du gesucht hast, indem du ihn gehst. Du brauchst nur deinen inneren Kompass. Der funktioniert nicht mit Wissen, sondern mit der Gewissheit, wo du am Ende landen willst. Dieses Ziel ist in erster Linie ein inneres. Wenn das äußere Ziel deiner Vorstellung übereinstimmt mit dem inneren Ziel, wo deine Seele hinwill, wirst du die Unterstützung bekommen, um dort hinzukommen. Wenn die Ziele auseinanderliegen, kann es sein, dass du woanders rauskommst. Und dann stellst du vielleicht fest, wow, das hätte ich mir so gar nicht vorstellen können, aber das ist genau das Richtige! Wenn du eingetunt bist, fügen sich die Dinge.
Dabei bin ich dein Verbündeter. Ich hülle deinen ängstlichen Verstand, der so gern alles vorausplanen und sich rundum absichern will, in ein magisches Gewand, das ihn gnädig davor bewahrt, vor Besorgnis im Zögern und Zaudern steckenzubleiben. Das Gewand des Nichtwissens um deinen rationalen Scheinwerfer lässt die Sehnsucht deiner Seele nach ihrem Ziel stärker leuchten. Das Argumentieren des Verstandes, der sich vor falschen Schritten und unabsehbaren Konsequenzen fürchtet, verstummt. Du gehst los mit deiner Neugier und kindlicher Entdeckerlust. Mit dem „Anfängergeist“. Mit dieser Wachheit weißt du nicht nur im jeweiligen Moment, was zu tun ist, sondern auch, wann der Moment ist, dir Hilfe zu holen. Das Innen und das Außen fügen sich zusammen. Und am Ende ist sie fertig. Eine wundervolle Küche, die total alltagspraktisch ist und gleichzeitig ein herrlicher Seelenspielplatz. Ein Entfaltungsraum für die Alchimie der Nahrungszubereitung wie auch für die geistigen Expeditionen deiner Küchenphilosophie.
Und, ganz nebenbei – glaubst du, dass Menschen sich noch fortpflanzen würden, wenn sie vorher wüssten, was auf sie zukommt? Siehste.
So, und jetzt kannst du Sterne gucken. Und ich bin schon gespannt, was du diesmal für Tarotkarten ziehst.
Bildquelle: Simone Walter