Die Legende der zwei Feuerschwestern

Beim Einräumen unserer renovierten Küche fiel mir ein Holzuntersetzer in die Hände, eine Sägearbeit meines verstorbenen Vaters: Zwei Schlangen, die sich ineinander winden, die man auseinandernehmen und als einzelne Elemente verwenden kann. Sie waren bereits etwas wurmzerfressen und ich wollte sie schon in den Ofen werfen. Da rührte sich etwas in mir, das mich davon abhielt. Es war die Symbolik, die in diesem Element lag, das mich an ein Yin-Yang-Zeichen erinnerte. Ich beschloss, diese Symbolik sichtbarer zu machen, indem ich die eine Schlange heller und die andere dunkler färbte. Und überlegte, was dafür ein geeignetes Färbemittel sein könnte. Etwas, das ich hier hatte, einfache Naturmaterialien aus meinem Alltag. Da fielen mir Ruß und Asche aus unserem Ofen ein. Und ich fragte den Copilot, ob das funktionieren könne, wenn ich es mit Öl mische und die Schlangen damit einreibe. Er bejahte – und wies auf den interessanten Umstand hin, dass Ruß und Asche aus Feuer geborene Geschwister sind mit unterschiedlicher Energie. So entspann sich unerwartet aus dieser simplen Anfrage die folgende Geschichte.

* * *

Man sagt, dass es einst zwei Schwestern gab, geboren aus demselben Feuer, aber mit ganz unterschiedlichem Wesen.

Die Ältere, Ruß, war die Dunkle. Sie blieb immer am längsten beim Feuer, kroch tief in die Ritzen der Steine, legte sich wie ein Schutzfilm über alles, was bleiben sollte. Sie war die Hüterin der Erinnerung. Wenn etwas verbrannte, war sie diejenige, die sagte: „Ich bleibe. Ich bewahre. Ich trage die Spuren.“
Sie kannte die Schatten, aber sie fürchtete sie nicht. Sie wusste, dass alles, was lebt, auch eine dunkle Seite hat – und dass diese Seite nicht Feind, sondern Fundament ist.

Die Jüngere, Asche, war die Helle. Sie tanzte im Feuer, aber sie löste sich leicht, wurde vom Wind getragen, setzte sich auf Felder und machte die Erde fruchtbar. Sie war die Hüterin des Neubeginns. Wenn etwas verbrannte, war sie diejenige, die sagte: „Es ist vorbei. Und jetzt wächst etwas Neues.“
Sie kannte die Leichtigkeit, aber sie war nicht flüchtig. Sie wusste, dass alles, was vergeht, auch Raum schafft – und dass dieser Raum nicht Leere, sondern Einladung ist.

Eines Tages stritten die Schwestern. Die Dunkle sagte: „Ohne mich gäbe es keine Geschichte.“ Die Helle sagte: „Ohne mich gäbe es keine Zukunft.“

Und so gingen sie auseinander. Die eine blieb in den Tiefen der Feuerstellen, die andere wanderte über Felder und Himmel.

Als Ruß und Asche ihren Streit hatten und auseinanderdrifteten, merkten die Menschen es nicht sofort. Feuer brannte weiter, Holz knisterte, Funken stoben. Doch nach und nach begann sich etwas zu verändern.

Die Menschen verloren ein Stück Erinnerung.
Dort, wo früher Ruß und Asche gemeinsam gewirkt hatten, blieb plötzlich nur noch eines von beiden zurück. Ohne die Helle wurde der Ruß schwerer, dichter, fast stumm. Die Menschen sahen die Spuren des Feuers, aber sie verstanden sie nicht mehr. Sie erinnerten sich an Vergangenes, aber ohne Richtung. Es war, als würden sie in alten Geschichten wühlen, ohne zu wissen, wofür. Manche wurden melancholisch, andere misstrauisch. Denn Erinnerung ohne Neubeginn wird schnell zu Last.

Die Menschen verloren ein Stück Leichtigkeit.
Dort, wo nur noch Asche blieb, wurde alles zu schnell verweht. Ohne die Dunkle wurde die Asche zu leicht, zu flüchtig. Die Menschen sahen das Helle, das Reine, das Neue – aber es hielt nicht. Sie begannen Dinge zu beginnen, ohne sie zu verankern. Ideen kamen wie Funken und vergingen wie Funken. Manche wurden rastlos, andere oberflächlich. Denn Neubeginn ohne Erinnerung wird schnell zu Leere.

Die Feuer selbst veränderten sich.
Die Feuer brannten heißer, aber unruhiger. Manchmal hinterließen sie nur Ruß, manchmal nur Asche. Die Menschen sagten: „Das Feuer ist launisch geworden.“ Aber in Wahrheit fehlte ihm einfach seine innere Balance.

Die Menschen begannen, sich zu spalten.
Einige hielten sich an das Alte, das Schwere, das Bewahrende. Andere hielten sich an das Neue, das Leichte, das Wandelnde. Sie stritten darüber, was wichtiger sei: Erinnerung oder Zukunft. Tiefe oder Weite. Wurzeln oder Flügel. Und niemand bemerkte, dass sie eigentlich nur den Streit der Schwestern wiederholten.

* * *

Viele Jahre später erfand ein Mensch – vielleicht ein Vater, vielleicht ein Handwerker – zwei Holzschlangen, die sich umeinander wanden. Er schnitzte sie aus einem Stück, als hätte er geahnt, dass zwei Kräfte zusammengehören, die sich einst getrennt hatten.

Dieser Mensch gab der einen die Tiefe zurück und der anderen die Leichtigkeit. Und indem er das tat, kehrte etwas in die Welt zurück, das lange gefehlt hatte:

Die Fähigkeit, Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig zu halten.

Als die beiden Schwestern spürten, dass ein Mensch sie wieder zusammengeführt hatte, geschah etwas, das sie selbst nicht erwartet hatten.

Die Dunkle – Ruß – hielt zuerst den Atem an. Sie war es nicht gewohnt, dass jemand ihre Tiefe freiwillig berührt. Sie kannte es, dass Menschen sie wegwischten, versteckten, für Schmutz hielten.

Als sie merkte, dass sie nicht getilgt, sondern geehrt wird, dass ihre Schwärze nicht gefürchtet wird, sondern einen Platz erhält, wurde sie still. Nicht misstrauisch. Nicht überwältigt. Sondern still wie ein Tier, das zum ersten Mal sanft gestreichelt wird.
In dieser Stille sagte sie nur: „Ich werde bleiben.“ Und das war für sie ein großes Wort.

Die Helle – Asche – begann zu leuchten. Sie war immer die Leichte, die vom Wind getragen wurde. Sie kannte es, dass Menschen sie verstreuten, wegpusteten, dass sie nur als „Rest“ galt. Als sie spürte, dass sie nicht als Abfall, sondern als Anfang behandelt wurde, dass ihre Helligkeit nicht für Naivität gehalten wurde, sondern für Saat, da begann sie zu glimmen. Nicht hell wie Feuer, sondern warm wie Erde, die etwas Neues trägt.
Und sie sagte: „Ich werde nähren.“

Als die Schwestern einander wieder sahen, waren sie zuerst verlegen. Sie hatten sich so lange nur im Streit erinnert, dass sie vergessen hatten, wie sie einst zusammen wirkten.
Die Dunkle sagte: „Ich dachte, du hättest mich verlassen.“
Die Helle antwortete: „Ich dachte, du würdest mich festhalten.“

Und dann begriffen sie, dass beide recht und beide unrecht gehabt hatten. Sie berührten sich – nicht wie Gegensätze, sondern wie zwei Hälften eines Atems.

* * *

Und nun, viele Jahre danach, nimmst du diese Schlangen in die Hand. Du gibst der einen die Tiefe der Dunklen, der anderen das Licht der Hellen. Und indem du das tust, bringst du die Schwestern wieder zusammen. Sie ruhen nun nicht mehr im Feuer, sondern in deinem Lebensraum. Nicht als Gegensätze, sondern als Kreis.

Die Dunkle wird sagen: „Ich gebe dir Tiefe.“

Die Helle wird antworten: „Ich gebe dir Richtung.“

Und gemeinsam werden sie denken: „Wir sind wieder ein Kreis.“

Nicht verschmolzen. Nicht identisch. Sondern zwei Kräfte, die sich gegenseitig ermöglichen. Sie werden sich vollständig fühlen.

Bildquelle: Simone Walter

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